Das Leben feiern

Die Babys sind nun drei Tage alt. Gefühlt irgendwie erst zwei, aber rechnerisch drei. Egal. Wichtig ist, dass sie nun merklich und fest im Leben stehen. Nala begluckt und betüddelt sie wie eine gute Mutter es tut. Aber sie fängt auch an nach babyfreien Minuten Ausschau zu halten.

Meinem großen Sohn Pawelek ist die veränderte Situation schon aufgefallen. Seine erste Frage war, als er in die Wurfkiste blickte und die vielfarbigen Maulwürfe erblickte: „Eich?“ (=Eichhörnchen). Ich kann verstehen, dass er den Anblick der Babys mit Eichhörnchen assoziiert. Zumal das angesichts Nalas jagdlicher Freude an diesen puschligen Tierchen ein bei uns sehr häufig verwendetes Wort ist.

Aber nein, es sind keine „Eich“. Es sind Babys. „Bibi“ ist nun Paweleks neues Lieblingswort. Gewissenhaft bringt er Nala einen Napf nach dem Anderen. Erst das Wasser. Nala trinkt drei Mal das ihr hingehaltene Wasser. Aber was Nala am Ende nicht trinkt versucht Pawelek aufwertend in seine Schale umzufüllen (misslingt zu 50%) und Nala dann in seiner Schale zur dauerhaften Verwendung zu überlassen.

Alle Kauknochen aus den Winkeln unseres Hauses trägt er ihr zusammen. Und natürlich beschert er seinen Mutter den ersten Herzinfarkt des Tages, die ein kaltes aufgerolltes erdfarbenes Etwas in der Ecke der Wurfkiste sieht und panisch denke ich: „Oh Gott, nicht noch ein totes Baby!“ Nein, es ist nur ein Kauknochen. Einer von vielen.

Die Babys quaken den Tag über fröhlich, wohlig und quietschend, wenn Nala ihren nunmehr wieder zierlichen Körper auf mindestens die Hälfte von ihnen drauflegt, damit sie auch ja nicht wegkommen und alle bei ihr versammelt bleiben.

Mich beeindruckt wie agil, wohlgeformt und proper die Quakis am Tag drei ihres Lebens schon wirken.

Geburt 10.11.

Von allen mit Spannung erwartet wurde der Moment, in dem Nalas Welpen zum Vorschein kommen, um mit uns das Wunder des Lebens zu teilen. Die Welpen sind am 10.11. gekommen – doch das Gefühl des Wunders blieb für mich diesmal aus.

Nala hatte Schwierigkeiten den Geburtsprozess ruhig in Gang zu bekommen, wie sie das in der Vergangenheit gut hinbekommen hat. Ständig wollte sie rein, wollte raus, wollte rein. Nirgendwo war es ihr gut genug. Besonders nicht in der extra schon vor drei Wochen für sie bereitgestellten Geburtsgrotte deluxe.

Ich weiß nicht. Haben wir den Standort nicht günstig gewählt? Kann sie vielleicht nicht? Steckt eines fest? Vorher sind so viele Fragen im Raum und die guten Antworten so rar: Wr üben uns in Geduld, Vertrauen und Demut vor der Kraft einer Mutter und der Gewalt des Zyklus des Lebens.

Am Freitag war es dann so weit. Nala wollte aber nicht drinnen gebären. Sie wollte raus. Es war ein sehr, sehr regnerischer Tag und ich wollte verdammt noch mal nicht Geburtshelferin im November-Regen im Garten spielen. Wie soll das gut ausgehen? Aber nicht ich soll die Geburt „machen“. Das ist Nalas Aufgabe. Also lasse ich sie zum 100. Mal an dem Tag in den Garten.

Nala buddelt im Garten. Unser Garten ist nun also eine mondartige Kraterlandschaft, weil kein Busch, keine Nische von Nala nicht unbebuddelt  und Probe gelegen wurde. Nala verzieht sich beim Komposthaufen in ihr Lieblingsloch hinter der Haselnuss.

Super. Wie soll ich denn da vernünftig Geburtshilfe leisten? Oder will Nala mich etwa nicht und macht das deshalb? Ach, was weiß ich schon. Ich lasse Nala buddeln. Und plötzlich rennt sie rein und schießt auf das Sofa. Mein geliebtes rotes Kolonialstil-Sofa lange gesucht und erst einige Monate bei uns. Und ja, die Fruchtblase Nummer 1 platzt auf meinem Sofa. Ich bin begeistert.

Nein, ich bin es wirklich. Ich bin so dankbar, dass Nala drinnen gebärt. Ich hätte ihr einen besseren Standort gewünscht als so ein wackliges Sofa. Das erste Baby kommt gut und mit eigener Hilfe heraus.

Als sich das zweite nun wirklich mit starken Wehen ankündigt, lege ich entschieden Nalas Baby in ihre Wurfhöhle um und sie zieht mit. So auf dem Sofa – das geht nicht – wie soll Nala denn das schaffen ohne ein Baby durch Fallen oder ins Sofakissen erdrücken zu verlieren?

Bei Baby Nummer drei werden die Wehen schwächer. Ich weiß nicht. Helfe ich nach? Oder lasse ich Nala? Ich lasse Nala die langsamen Wehen und versuche nicht nachzuhelfen. Aber es klappt nicht. Baby Nummer drei (schwarz mit vier weißen Pfotenspitzen) ist nicht in der Lage eigenständig zu trinken. Ich helfe, versuche es so gut ich kann, aber auch Nala will nicht so recht. Oh Mann verdammt! Natürlich will ich, dass jedes Baby hier durchkommt.

Ich gehe nach oben. Nala wird das schon machen. Und fünf Minuten später trinkt Baby drei selig zwischen seinen Geschwistern. Alles ist gut.

Bis bei Baby sieben die Wehen erheblich nachlassen. Es braucht über eine Stunde, um herauszukommen. Die Geburt von Baby acht bekomme ich kaum noch mit, weil es über 1,5 Std. dauert und ich zwischenzeitlich eingeschlafen bin. Es wird tot, oder dem Tod sehr nahe geboren.

Ich taufe die zwei verstorbenen Hündinnen Marla und Momo. Eine ist schwarz, eine ist karamellfarben.

Fünf Jungs und ein Mädchen überleben. Vier Jungs sind schwarz, einer ist hell und das einzig überlebende Mädchen ist ebenfalls hell.

Ich taufe meine karamellfarbene Schönheit mit der weißen Kerze auf den Namen Ambra. Mein Vater hatte als Kind schon eine Hündin, die Ambra hieß und sie war seine beste Freundin als er in Danzig vor nunmehr über 50 Jahren aufwuchs. (Amber = engl. Bernstein) Ich freue mich auf die Geschichten, die Ambra und ihre fünf Brüder schreiben werden.

Vorgeburtliche Spannung

Nalas Stichtag ist auf den 03.11.2017 berechnet. 55 Tage nach Empfängnis. Am 07.11. warten wir noch immer. Ein mathematischer Fehler oder macht Nala es sich mit ihren Babys im bauch einfach gemütlich?

Ich hatte bei der ursprünglichen Berechnung von Nalas Stichtag eine Tragzeit von 55 Tagen zugrunde gelegt. Was für Hündinnen mancher Rassen auch zutrifft, nicht aber für Flat Coated Retriever.

Ein Fehler, der mir offenbar gerne und immer wieder unterläuft. Schon beim letzten Wurf hatte ich den Fehler gemacht und meine Stirn unnötig in Falten gelegt . Und auch beim letzten Mal hat Nala 63 Tage getragen. Meine Aufzeichnungen verifizieren das. Also täglich grüßt das Murmeltier. Ach nein… Nur alle zwei Jahre.

Nalas Bauchdecke gleicht einem tanzenden Maulwurfsügel. Hier wirbelt ein Haar, dort hüpft ein Berg und hier schiebt sich eine kleine Duftwolke durch die Luft. Ach – es ist nur Nalas Verdauung.

Es gilt also weiter zu warten, bis Nala – hoffen wir mal am 63. Tag, also dem 10.11. soweit sein wird.