Kennen Sie das?

Kennen Sie das? Es regnet. Man zieht sich an. Strumpfhose, Regenhose, Pullover, Regenjacke, Handschuhe, Mütze, Gummistiefel und Taschentücher en masse. Das Hundi hüpft fröhlich los zum Spaziergang und man geht in den Park. Ein schön-schauriges Wetter! Es ist zwar kalt, nass und der Impuls drinnen zu bleiben war stark, doch einmal draußen ist es wie eine Tasse Tee im November: Einfach nur schön und muckelig!

Ich genieße es immer bei Regen mit meinen Hunden draußen zu sein und frage mich dann: „Wo sind all die Menschen hin? Wo sind all die Hunde geblieben über die wir sonst stolpern wie Kinder über Tretminen in weiter entfernten Ländern?“ Wenn ich mich still frage „Wo sind all die Hunde hin?“ summe ich das Lied von „wo sind all die Blumen hin?“ Das haben wir so, so oft in der Schule gesungen und ich habe nie verstanden wofür – ich fand das Lied einfach nur doof außer seiner einprägsamen Melodie, die mir schon immer sehr gut gefiel.

Heute im historischen Kontext sehe ich das anders, aber heute bin ich auch steinalt verglichen mit damals.

So – das ist die eine Sache. Eine ganz andere Sache ist das Erlebnis, das ich am Donnerstag hatte. Ich habe Olek mit dem Fahrrad in die Kita gebracht. Es regnete morgens in Strömen und er wollte nicht in die Kita. Er zeigte anklagend mit dem Finger aus der Tür und schrie so wie Opa es ihm einst beigebracht hat „Iiiiih!“ und knallte die Tür mit missbilligendem Gesichtsausdruck zu (mein Sohn ist 2 Jahre alt).

Okay – damit war klar, dass ich nicht wie in den Tagen zuvor mit der Kleinkind-Baby-Nummer den Weg zur Kita schaffe. In den letzten Tagen habe ich den morgendlichen Unwillen das Spiel zuhause sein zu lassen damit überwinden können, dass ich ihm anbot mein Baby zu sein und er oben in Mareks Babyschale liegen durfte (Marek saß dafür dann im unteren Sitz für die „Großen“).

Ein neuer Trick musste her. Ich habe den Drahtesel gesattelt! Ich habe den Anhänger eingespannt, vorbereitet und den kleinen Bruder schon einmal mit Kissen in den Anhänger gesetzt. Das war ein guter Trick! Olek kletterte willig in den Anhänger und feuerte mich an, den Weg in die Kita zu schaffen. Marek konnte gar nicht aufhören zu lachen während der Fahrt (sein großer Bruder saß neben ihm – was für ein Ereignis!).

Beste Voraussetzungen also, um heute ein Experiment zu wagen – wenn Marek gut drauf ist, ist es auch für mich schöner mit den Hunden zu gehen. Ich habe Coco bisher noch nie am Fahrrad alleine geführt. Und es steht im Raum, dass uns Ambra demnächst vielleicht verlassen wird. Falls Indie dann endlich mal auszieht, werde ich mit Coco alleine Fahrrad fahren müssen. Bisher habe ich ihn dafür als zu labil eingeschätzt. Bei Regen wird kein Schwein im Park sein, der perfekte Tag also, um es mit ihm zu probieren, denke ich mir.

Und so ist es dann auch! Coco braucht ca. 20 Minuten, um sich „einzugrooven“ in die Situation und hat zwischendurch immer wieder ein paar labile Momente. Aber als er dann irgendwann realisiert wie toll es ist neben dem Fahrrad im Trab zu laufen und dabei in Pfützen zu hüpfen, die Nase abwechselnd am Boden zu haben, sich ein Leckerchen abzuholen und zwischendurch einfach so in die Büsche zu hüpfen und dann wieder neben mich springt er vorwärts wie seitwärts mit den Pfötchen rudernd und beschenkt mich so reich mit seiner Freude, dass ich für die Dauer dieser Tour alle Sorgen vergesse!

Ach war der Schnee und die Kälte herrlich gewesen! Zumindest die Hunde waren sauber nach Hause gekommen, wenn die Hände auch kalt waren wie zwei Eisblöcke mit fünf eisigen frostharten Spitzen (Finger). Jetzt bringe ich einen braun-schwarzen vor Dreck triefenden Hund nach Hause, der seine Freude über diesen Ausritt gar nicht im Zaum halten kann!

Ach war das ein schöner Tag bisher gewesen! Denn das, was nun kommt, lässt mich nicht nur vom Glauben abfallen, sondern ein neues Kapitel in meinem Leben mit Hunden aufschlagen: Indie und Ambra wollen nicht raus. Sie wollen wirklich nicht raus. Und zwar so gar nicht, nie nicht, überhaupt nicht!

Ich kenne von Nala, dass sie bei Regen auf spitzen Pfötchen von Dach zu Dach, sich unter Bäumen versteckend läuft und nur zögerlich dazu motivierbar ist geschützte Plätze für von oben kommenden Regen zu verlassen. Spätestens mit einem Leckerchen ist das bei Nala passé. Insofern nichts ernstes, denke ich mir. Bis zu dieser Geschichte mit Indie und Ambra:

Ich leine Indie und Ambra an. Ich gehe zum Fahrrad, öffne das Tor und gehe zurück. Ich will nicht, dass alle drei Hunde jetzt mitkommen, sondern nur die zwei designierten. Wollen und Haben stehen sich hier jedoch diametral gegenüber. Indie und Ambra verkriechen sich auf der Decke hinter dem Sofa. Coco steht freudestrahlend vor mir und propellert mit seinem Schweif Dreck an und in meine Wand.

Ich sperre also Coco in das Welpenzimmer. Gehe zu Indie und Ambra und gebe ihnen Leckerchen. Sie kommen mit. Mehr Leckerchen. Sie kommen mit bis kurz vor die Haustür. Und da legen sie den Esel-Stopp-Modus ein. Nicht einen Schritt mehr geht es nach vorne. Ich nehme die Leinen, gebe einen Impuls und erwarte das sonst immer eintretende Nachfolgen der Hunde. Nicht passiert außer zwei trotzig funkelnder Paare Hundeaugen im Flur!

Na prima! So nicht meine Freunde! Ich kann auch bockig sein! Ich ziehe die beiden – ob sie wollen oder auch nicht – aus dem Flur. Wir haben ja Fliesen, da haben die beiden überhaupt keine konkurrenzfähigen Chancen. Da unsere Tür nach innen öffnet, habe ich schon auf halber Strecke gewonnen. Mit einer Hand fange ich an die Tür zuzuziehen und sie somit von hinten anzuschieben und mit der anderen Hand „überrede“ ich meine zwei trotzigen Biester zur „Kooperation“. Ambra bellt wütend auf, als die Tür ins Schloss fällt (ja wirklich!).

Indie fügt sich sofort (wie immer). Er trottet an nun schleifender Leine voran. Ambra bleibt unwillig stehen. Aber als Indie mitläuft am Fahrrad nimmt auch sie Tempo auf und läuft los. Es hilft ja nichts! Im Regen stehen macht auch nichts besser. Juchzend schmeißen sich beide wie Schwein in Schiet und pflügen das Feld auf unserer kleinen Radrunde annähernd vollständig um.

Überflüssig zu sagen, dass ich zwei braunschwarze Hunde nach über einer halben Stunde nach Hause brachte, deren Augen vor Glück fast aus den Fassungen sprangen. Das Buddelvergnügen war wilder als je zuvor in dem vom Regen aufgeweichten Erdboden gewesen.

Ich will noch eines erwähnen: Meine Augen funkelten im Moment der Heimkehr auch einmal auf. Nicht wirklich vor Glück. Ambra und Indie veranstalteten ein Wettrennen, als ich die Tür zum Wohnzimmer aufgemacht habe. Sie schossen als hänge ihr Leben davon ab in meinen Sessel am Fenster. Sie setzten sich aufrecht nebeneinander hin und rieben ihr nasses braunschwarzes erdbehangenes Fell mitsamt Pfoten in meinen bis dahin roten Lesesessel hinein.

Prima. Oder Paul würde sagen: „Wer keine Arbeit hat, macht sich welche.“ Es ist schön, Hunde zu haben. Meine Augen funkeln vor Freude. Zumindest in der Erinnerung dieses Anblicks. Es ist wirklich schön, Hunde zu haben. Ein Reichtum ohne Anfang und ohne Ende.