Gewalt ist ein Motor. Oder vielleicht eine Rutsche?

Wenn ich mit meinen Hunden spazieren gehe, verstummen die Stimmen von außen und ich kann mich irgendwann selbst wieder hören. Wenn die hektisch klingelnden Radfahrer verstummen, wird der Wald weiter. Wenn die Begegnungen weniger werden, bin ich im Grün angekommen. Die Stille des Waldes umschließt meine Augen, Ohren und Beine und ich komme an. Im Reich der Stille und Zecken.

Ich höre dann das, was das Leben reich, schön und erlebenswert macht: Eine Ente, die schnatternd ihren Unmut über meine Hundebegleitung verkündet. Meine Hündin Ambra, die leichtfüßig über den Waldboden trabt. Meinen Rüden Coco, der eine Kuhle in den Waldboden gräbt. Und den Specht, der die Fichten in luftiger Höhe abklopft.

Ich genieße die Stille der Nicht-Zivilisation. Ich genieße die leisen Geräusche des Waldes.

„Pffffffft!“ Ein Pfiff zerreißt diese Stille. Es ist ein Pfiff aus einer Pfeife. Vielleicht 20 Meter entfernt. Ich höre Galopp, wildes Hecheln und Hundebellen. Das sind nicht meine Hunde. Das ist auch nicht mein Hund, der so schwerfüßig läuft. Es ist ein brauner Mischling. Er stößt seinen runden Körper so gut er kann durch den Waldboden hindurch, seine Zunge hängt auf dem Boden. Er kommt von vorne auf uns zu. Das Pfeifen kommt aber von hinten. Offenkundig war der Hund selbständig im Wald eine Jagderkundung machen. So sehr wie er aus der Puste ist, muss hetzend gejagt haben.

Ich tippe auf einen Labrador-Schäferhund-Mix. Seine Öhrchen stehen halb nach oben, die Spitzen fallen nach unten. Die Schnute ist Schäferhund-länglich, der Körper ist vorne stämmig und hinten ganz schmal. Der Schweif ist Labrador-breit. Also ein Labrador-Mischling. So viel ist klar. „Bruno! Fuß sage ich!“ Pause. „Pffffffffffffttttt!“ Wieder der laute Pfiff aus der Pfeife. Ich höre das Brüllen und Pfeifen, kann aber keinen Menschen sehen.

„Bruno! Komm endlich! Fuß!“

Bruno kommt nicht. Bruno spielt mit Coco und Ambra. Er hebt nicht einmal den Kopf. Wieso auch? Das Pfeifen und Schimpfen ist nun wahrlich laut genug, dafür braucht man den Kopf nicht zu heben. Und Bruno scheint zu wissen, dass ihm Abhol-Service gewiss ist. Er versucht die kurze Zeit, die er zum Spielen noch hat, auszukosten. Bruno spielt hektisch. Er läuft schwerfüßig im Runden-Spiel mit Ambra und Coco.

Obwohl Bruno auf Nicht-Empfang zu seinem Menschen geschaltet hat, nimmt er meinen Leckerchen-Geruch wahr. Er schafft es eine Ehrenrunde zu mir zu laufen und mich als Raststätte zu verwenden. Dafür stiebt er mich kurz an und schaut, ob ich Leckerchen zugänglich mache. Als ich meine Hand in meine Tasche versenke schmeißt er sich auf den Waldboden vor mir. Er ist völlig erledigt. Ich rufe Ambra und Coco und gebe ihnen Leckerchen. Bruno nicht.

„Bruno! Verdammt noch mal!“ Bruno ist voll eingetaucht im sanftmütigen Kontakt-Spiel im Liegen mit Ambra und Coco. Seinen rufend pfeifenden Menschen blendet er aus. Verständlich. Der wird sich gleich hinreichend aufdrängen, so wütend wie er jetzt klingt. Ich kann Bruno verstehen und wappne mich geistig auf eine anstrengende Szene.

Der Waldweg macht eine langgezogene Kurve. Hinter dieser muss der Mann sein. Ein riesiger Stapel Eichenstämme verdeckt Bruno und uns effektiv. „Ihr Hund ist hier, hinter dem Holzstapel.“ Die drei Hunde sind zu meinen Füßen. Ambra und Coco liegen hechelnd bei mir und Bruno versucht nun langgestreckt mit beiden gleichzeitig zu schnäuzeln.

Ich empfinde Mitleid mit Bruno. Der bekommt gleich ganz schön Ärger, wenn der Mann sich so verhält, wie er sich ankündet. So wie der Mensch schnauft und ruft, ist er jetzt in Rage. Das ist nicht mein Problem. Es ist Brunos. Insofern versuche ich die Situation wenigstens für meine Hunde und mich nicht eskalieren zu lassen. Ich fülle meine Hand mit Leckerchen auf und hänge Ambra und Coco mit der rechten Hand an den Leckerchen-Tropf. Mit der linken Hand hebe ich ihre Schleifleinen direkt am Geschirr auf und nehme sie locker durchhängend fest in die Hand.

Gespannt warten Bruno und ich darauf, dass der Halter jeden Moment schnaubend hinter dem Holzstapel hervorkommt. Ambra und Coco sind fixiert auf Leckerchen-Inhalation. Bruno kriegt gleich richtig Ärger. Ich will nicht, dass die Leute ihre Wut direkt bei meinen Hunden abladen. Das kann ich nicht effektiv verhindern, aber es gibt Techniken mit denen ich die Menschen zügeln kann. Deshalb habe ich meine Hunde in solchen Situationen immer dich bei mir. Wenn ich in der Nähe meiner Hunde bin und die Menschen festen Blickes anschaue, nehmen sie sich in unserer Nähe zurück. Jetzt kommt der Mann um die Ecke.

Ich stelle mich so hin, dass der schnaufende Mann seitlich auf mich und die Hunde zukommt. Nicht frontal und nicht von hinten. So gestalte ich die Situation ein wenig mit. Wenn ich frontal stehe, kann das die Situation frühzeitig anheizen. Es ist dann wie eine Konfrontation. Die Menschen fühlen sich dann eingeladen laut und ohne Mäßigung in unsere Nähe zu kommen. Mit dem Rücken zu einem sich so aggressiv gebärdenden Menschen würde ich mich nie wagen zu stehen. Das gibt nicht nur mir ein schlechtes Gefühl. Die Passivität und Unterwürfigkeit, die ich damit ausstrahle verleitet einen schon wütenden Menschen mich als Blitzableiter für seinen Zorn zu verwenden. Auch das möchte ich nicht.

Die seitliche Position bietet Vorteile. Ich schaue meine Hunde an und füttere sie. Meine Hunde schauen mich an und sind ganz bei mir. Wir alle können den Aggressor (der wütende Mann) im Augenwinkel auf uns zukommen sehen. Das nimmt Druck aus der Situation raus und gibt gleichzeitig Kontrolle. Ich kann so gut verhindern, dass meine Hunde selbst in diese wütenden Affekte einsteigen und bellen. Und wenn die Situation es erlaubt kann ich mich so positionieren, dass meine Hunde am Wegesrand sind und ich sie abschirme vor dem wütenden Menschen.

In dieser Situation passt das nicht. Zum einen stehen wir vier auf der Mitte des sehr breiten Waldweges. Wenn wir uns jetzt bewegen wird der Mann nur noch wütender. Das wäre dann das totale Chaos. Meine Hunde würden dann wild springen, sein Hund vermutlich auch und schlimmstenfalls gibt das eine Keilerei zwischen den Hunden. Das will ich nicht provozieren.

Also bleibe ich stehen und füttere fleißig Ambra und Coco. Meine rechte Hand war sehr gut beladen. Der Mann geht, wie ich es erwartet hatte direkt am Popo meiner Hunde vorbei und schnappt sich Bruno, der immer noch versucht mit Coco und Ambra zu schnäuzeln und so tut als ob sein Mensch nicht da wäre. Ich kann ihn verstehen.

Wir haben Glück. Meine kleine Gestaltungsmaßnahme und der Kollege Zufall bewirken, das der Mann seinen Zorn nicht direkt bei meinen Hunden herausplatzen lässt. Wenn meine Hunde dicht bei mir sind wagen die meisten Menschen es nicht ihre Schimpftiraden direkt bei mir (uns) abzulassen. Dazu darf ich jedoch nicht devot wirken, sondern muss mit durchgestrecktem Körper aufmerksam in der Situation sein.

Mein Kalkül hat funktioniert. Der Brunohalter sieht, wie ich meinen Hunden Leckerchen gebe und wie sein Hund gierend direkt bei mir steht. Und er sagt nicht. Obwohl diese Beobachtung seinen Frust verstärkt. Einerseits wird er noch wütender, wenn er sieht wie ich stopfe und sein Hund an uns hängt. Andererseits will er nur weg, weil er sich blamiert.

Er wird wütender, weil er wie ein Depp seinen Hund abholen muss und ich leger dastehe mit meinen zwei Hunden. Wütender wird er, weil ich als dumme Leckerchen-Ziege es leicht habe und er schwer. Und wütend bleibt er, weil er dumm da steht und kein Zorn der Welt dazu führt, dass passiert, was er will: Er will, dass sein Hund zu ihm kommt, wenn er ruft.

Egal, wie viel er gerufen und geschimpft hat: Bruno hat das nicht gekümmert. Bruno war weg, dann kam er zu uns und ist offenkundig noch immer bei uns. Und sein Halter ist mittlerweile auf dem Gipfel der Wut.

Und was er sieht, macht ihn nicht gerade friedvoller: Er brüllt sich die Seele aus dem Leib und ich verteile hier Hundekekse wie auf einer Party. Kein Wunder, dass sein Hund nicht kommt. Klar kommt bei ihm der Gedanke auf, dass ich seinen Hund vermutlich auch schon gestopft hätte. Er denkt sich, dass ich Bruno vielleicht schon zig Leckerchen gegeben habe und ihn damit verdorben habe. Vielleicht… Der Mann wird es nie erfahren. Sich aber auch darüber ärgern.

Abgesehen davon, dass der Mann anscheinend nur das Schlimmste von mir denkt und mir das mit seinen Blicken auch zeigt, verhält er sich recht zivil: Er geht einen angemessenen Bogen um Ambras und Cocos Popo herum. Er packt Bruno stumm schnaufend, leint ihn an und geht ohne einen weiteren Laut Bruno hinter sich her schleifend ein paar Schritte von uns weg. Erst einige Meter von uns entfernt bricht der Zorn aus ihm heraus.

„Bruno! Fuß!“ Der Mann schimpft. Aber weiß Bruno überhaupt, was sein Mensch da schimpft und von ihm will? Ich bin Mensch, und ich weiß es nicht. Wie geht es da wohl einem Hund? Mir ist das Konzept des Bei-Fuß-Gehens in einigen Facetten bekannt. Kennt Bruno das Konzept des Bei-Fuß-Gehens? Kennt der Mann es? Oder ist es ein frommer Wunsch des Mannes sein Hund möge ihn wenigstens dieses eine Mal nicht an der Leine hinter sich her schleifen?

Bruno macht auf mich den Eindruck, dass er nicht weiß, was sein Mensch von ihm will. Vermutlich kennt Bruno das Konzept des Bei-Fuß-Gehens nicht oder nur wenig. Nicht genug, um es jetzt in diesem Moment der starken Affekte abrufen zu können aus seinem Gehirn. Vielleicht ist Bruno auch so verängstigt von dem Gebahren seines brüllenden Menschen, dass er gar nichts denken kann außer Angst. Wer weiß… Und obwohl Bruno mit dem Mann mitläuft, wird der immer noch wütender. Armer Bruno.

Bruno kann es seinem Menschen nicht recht machen. Obwohl Bruno versucht Demut und Unterwerfung zu zeigen, zwingt sein Mensch ihn in die Nähe mit Hilfe der Leine. Demut und Unterwerfung zeigt ein Hund indem er zunächst Distanz zwischen sich und dem Dominierenden aufbaut. Bruno kann gar nicht zeigen wie sehr er zur Kooperation, ja Unterwerfung bereit ist. Die Leine hindert ihn daran. Er möchte von seinem Menschen wegstreben, was sich für einen devot unterwürfigen Hund ja gehört. Bruno läuft voraus und hängt sofort in der Leine. Die Leine ist stramm. Und Brunos Mensch auch darüber verärgert.

Da Bruno hoch agitiert ist, springt er am Ende der Leine. Er kann sich nicht einfach beruhigen und langsam werden. Dafür sind alle zu aufgeregt: Der Mann, Bruno und ich mittlerweile auch. Der Zorn des Menschen hindert Bruno effektiv ruhig zu werden. Vermutlich auch die über Jahre in Bruno erworbene Angst vor dem Zorn seines Menschen. Selbst, wenn sein Mensch sich jetzt schon beruhigte würde Bruno vermutlich erwarten, dass sein Mensch laut und herrschend auftritt. Denn s kennt Bruno es. Und das hindert Bruno am Zuhören und Denken. Und am Herunterkommen von seinem hohen Erregungsniveau.

Bruno kann sich also gar nicht herunterfahren. Und so hängt Bruno am Ende der Leine und springt wild wie ein Kaninchen in einer Falle. „Brunoooo! Fuß! Verdammt noch mal!“ Bei alldem sieht Bruno zudem nicht aus wie ein devoter Hund. Auf den ersten Blick könnte man meinen der Hund sei freudig erregt. Jedoch Obacht! Der Anschein täuscht. Hunde, die Stress haben sehen freudigen Hunden täuschend ähnlich. Nur Menschen mit guter Intution oder Beobachtungsgabe und Hundewissen können die Unterschiede erkennen zwischen einem freudig erregten Hund und einem Hund mit chronisch oder akut hohem Stress.

Bruno hat Angst und Stress zugleich. Er will von seinem Mensch weg. Den Mann macht das wütend und er schüttelt wild an der Leine. Spannenderweise schüttelt Bruno sich als Reaktion auch einmal und läuft danach nicht mehr vor, sondern seitlich von seinem Menschen so weit entfernt wie er nur kann.

Auch das findet sein Mensch gar nicht gut. Fuß sieht anders aus! „Bruno! Es reicht mir!“ Bruno hat den Rubikon überschritten. Der Mann packt Bruno am Halsband und zieht ihn ganz dicht zu seinem Kopf. Er beugt sich dabei ganz weit nach vorne. Mit beiden Händen hält er Brunos Kopf und drückt sein Gesicht fast in Bruno rein. Mit langsam wütender Stimme spricht er in Brunos Gesicht: „Du. Gehst. Bei. Fuß. Ist das jetzt klar?! Fuß sage ich!“

Das ist zu viel für mich. Ich kenne viele Facetten des homo sapientischen Verhaltens, aber diese Rohheit kann ich nicht unkommentiert lassen. Den Mann und mich trennen fünfzehn Meter, insofern erlaube ich mir im Gesprächston zu fragen: „Und Sie meinen das bringt etwas?“ Er versteht was ich sage. Nun habe auch ich den Rubikon überschritten. Sein Kopf geht hoch und Bruno ist aus der Face-to-Face-Situation entlassen, die Hände des Mannes halten seinen Kopf jedoch noch am Hals links und rechts fest.

Der Mann versucht eine Grenze zu stecken. „Mischen Sie sich nicht ein! Erziehen Sie mal besser Ihre zwei Hunde.“ Ich gestehe, dass ich mich verwickeln lasse in solchen Situationen. Im Nachhinein denke ich immer, dass ich jetzt hätte gehen sollen. Aber in der Situation kann ich das nie. Ich beiße auf den Köder an und steige in das Duell ein: „Meine zwei Hunde sind bei mir, angeleint und ich schimpfe nicht.“ Mit meiner Aussage provoziere ich ein herablassendes Schnauben und eine Kampf-Antwort: „Ja, weil Sie sie mit Leckerchen stopfen. Erziehen sollten Sie und nicht stopfen.“

Darauf antworte ich nicht. Da kommt nichts Gutes bei heraus. Wir könnten uns inhaltlich austauschen, aber dafür ist der Mann zu agitiert. Ich atme tief durch. Dieses Gespräch wird unmittelbar auch zu nichts führen außer Frust bei ihm und bei mir. Deshalb lasse ich seinen Kommentar und seine Aufforderung unbeantwortet stehen. Ich wünsche mir dennoch, dass ich es schaffe ein Körnchen im Sand seines Wut-und Gewalt-Motors zu sein. Der Gewaltmotor kann wie ein Porsche innerhalb weniger Sekunden von 0 auf 100 beschleunigen. Ich weiß wovon ich spreche. Ich bin selbst jahrelang mit dem Gewaltmotor wie eine Irre durch die Gegend gerast.

Es ist eine schöne Vorstellung seinen Gewaltmotor vielleicht ein bißchen ins Stottern zu bringen. Nicht, weil ich böse bin. Ich finde, dass jeder Mensch Frieden verdient. Und den hat er offenkundig gerade nicht. Meine Wunschvorstellung ist es, dass in seinem Gewaltmotor irgendwann ein Zylinder kaputt geht und die gesamte Maschinerie dann restlos entsorgt wird. Aber Gewalt als Motor ist nicht das einzige Bild, das passt für diese Situation. Auch das Bild der Gewalt-Rutsche (manche nenne es Spirale) finde ich hilfreich. Denn das Problem ist: Wenn man das Verhalten Gewalt und die Einstellung Dominanz, also den Gewaltmotor über Bord wirft und entsorgt entstehe eine klaffende Lücke. Und niemand kann mit dieser Lücke länger als einen Tag leben. Der Ersatz für den Gewaltmotor muss vor dem Totalschaden schon da sein, damit wir wissen, was wir in einer kritischen Situation tun sollen.

Kein Mensch kann sich „nicht“ verhalten in einer kritischen Situation. Haben wir kein neues Verhalten parat, um den Stress aufzulösen, fallen wir immer in das Muster. Egal welche das sind. Das sind die Überlebensprogramme von Menschen wie Hunden.

Und der Mann war in einer kritischen Situation als sein Hund für mehrere Minuten im Wald verschwand. Und in den unendlich langen Minuten der Abwesenheit des Hundes sprang der Gewaltmotor an. Die Wut des Mannes nahm immer mehr zu. Aber Gewalt ist auch wie eine Rutsche. Erst klettert man langsam hoch und denkt man hätte da oben gleich mehr Kontrolle. Doch Pustekuchen. Oben wähnt man sich stark und unbesiegbar. Aber das geht nur selten auf.

Der Hund war und blieb verschwunden. Und dann war er „ungehorsam“ nicht zu seinem Menschen gekommen, sondern er musste Bruno abpflücken bei einer Leckerchen-stopfenden Wattebauschweitwerfer-Ökotante wie mir. Welche Demütigung für den Herrn!

Wer oben steht, muss wieder runter. Dieser Mann bretterte beim Zugehen auf uns die Gewaltrutsche wie ein Irrer runter! Denn er musste wieder Boden unter den Füßen haben. Sein Gewaltmotor jaulte und die Zylinderkolben jaulten alle am Anschlag.

Da war er nun gestürzt aus seinem Olymp der Nicht-Dominanz über seinen Hund. Um nicht auch noch vor sich selbst klein zu sein, musste er das Ungleichgewicht wieder herstellen und seinen Frust irgendwie rauslassen. Bruno war sein Blitzableiter.

Der Mann war vom Gipfel der Gewalt ganz heftig auf den Boden geknallt. Vielleicht schaffe ich es etwas zu sagen, das er eines Tages erinnert. Vielleicht auch nicht. Vielleicht schaffe ich es etwas zu sagen, was den Mann eines Tages berührt oder weiter bringt, wenn er merkt, dass er seinem Hund lediglich Leid antut, weil er einer Illusion von Dominanz und Gehorsam erlegen war, die nicht stimmte. Und vielleicht wird er eines Tages merken, dass die Selbsterhöhung auf den Gipfel der Dominanz über den Hund nur eine Täuschung ist. Und ganz vielleicht wird er merken, dass dieser Dominanzgipfel nur eine Filmkulisse ist, hinter der sich Projektionen verbergen. Es verbergen sich keine Wahrheiten dahinter.

Und oben auf dem Gipfel der Gewalt hatte er nur zwei Möglichkeiten, um wieder herunter zu kommen: Vorsichtig die Leiter wieder herunterklettern oder unkontrolliert die Rutsche der Gewalt herunter zu stürzen. Er war zu agitiert, um irgendwas vorsichtig zu tun. Also knallte er die Rutsche der Gewalt hinunter.

Vielleicht, vielleicht wird er all das eines Tages bewusst oder unbewusst merken. Die meisten Menschen merken es unbewusst irgendwann. Nur wenige reiben sich ein Leben lang mit ihren Hunden in Grabenkämpfen auf.

Ich habe mich ein paar Jahre lang mit meinen Hunden aufgerieben. Bis es so nicht mehr weiterging. Ich war am höchsten Ende der Gewalt angekommen und konnte entweder umkehren oder? Ich bin umgekehrt. Das war aber kein einfacher Weg.

Ich musste nicht nur mich selbst, die Einstellung zu meinen Hunden und meinem Leben verändern. Ich musste auch meine Hundeschule auf ein neues Wertefundament stellen. Das ist gar nicht so einfach. Jahrelang hatte ich die allgegenwärtige Alpha-Lüge geglaubt und weitergegeben. Und nun musste ich mich selbst revidieren. Hoppla! Das war ganz schön peinlich.

Mein Bewusstsein ist in den Jahren danach langsam hinterher gekommen. Und ich beschäftige mich bis heute mit Fachliteratur über Lernverhalten von Hunden und Menschen, konsistenter Kommunikation, authentischer Beziehungsgestaltung, Fragen zu Macht und Machtmissbrauch und menschlicher und hündischer Psyche.

Und seitdem ich sicher weiß, dass Dominanz und Unterordnung eine Möglichkeit von vielen ist, die Interaktion mit dem Hund zu gestalten, aber nicht die einzige entscheide ich mich für die Variante Kooperation auf Augenhöhe: Ich lebe mit meinen Hunden partnerschaftlich zusammen. Und damit geht es mir so gut, dass ich mit meinen Hunden zu 99% nur noch Freude habe. Selbst Frustmomente mit meinen Hunden sind für mich häufig eher eine Bereicherung als eine Belastung. Ich lache dann über meine störrische Zicke Ambra, meinen Schelm Coco und meine fehlbare Menschlichkeit.

Das alles und nichts davon schießt mir in diesem Dialog-Duell mit dem Herrn im Wald durch den Kopf. Ohne darüber nachzudenken antworte ich dem Herrn: „Ich finde Leckerchen schöner als meine Hunde zu schimpfen, an ihnen zu zerren und mich laut und wütend im Wald zu gebärden. Das vermiest mir nur die Stimmung.“ Das sage ich nicht nur so. Das lebe ich so. Meine innere Stimme sagt zu mir selbst: „Und der Wald ist so zauberhaft. Man hört seine Stimme nur, wenn man still ist und aufhört nur auf sich selbst zu blicken.“ Der wütende Blick des Mannes holt mich aus meiner Träumerei heraus und zurück in das Duell. Und ich denke: Wäre dies ein Boxkampf würde jetzt eine Glocke ertönen. Nicht, weil mein Spruch so gut war, sondern weil seine Augen mir wütend den Sieg zugestehen. Diese Runde ist an mich gegangen. Es steht 1:0. Und in meinem inneren Kopf ruft der Ringrichter:„1 Rundensieg für Tunia! Bing, bing, bing.“ Ich bin kein Stück besser als er. Ich will auch nur gewinnen.

Der Mann hat mir den Rundensieg geschenkt. Nun hat er es eilig. Er will sich weder auszählen lassen noch eine weitere Runde einläuten. Er dreht sich um und schnaubt wütend davon. Die Leine hat er vorsorglich mehrfach eng um seine Hand geschlungen. Wenn das mal gut geht! Sie ist so kurz, dass Bruno weder vor, noch zurück, noch seitlich von ihm wegstreben kann. Wütend sieht der Mann mich beim Umdrehen noch einmal an und geht strammen Schrittes vorwärts. Sein Oberkörper hat jedoch eine starke Rechtsneigung: Bruno hängt in hoher Spannung an der Leine und läuft ziemlich unrund in hoher Erregung und Spannung in seiner Zwangsenge. Brunos Schweif wedelt.

Endlich ist Ruhe!

Ich atme tief durch. Ich brauche das immer nach so einer Begegnung. Ich fühle mich angestrengt. Die Stille ist weg. Von außen ist sie da, denn der schimpfende Mensch und Bruno sind weg. Aber in mir ist es laut. Die Stimme des Mannes hallt in mir nach. Meine Stimme antwortet ihm, obwohl er weg ist. Ich bin im Dialog, ohne dass ich es will. Ich rede mit dem Mann, als ob er noch da wäre. „Bing, bing, bing. Diese Runde geht an den Bruno-Halter.“ Obwohl ich es nicht will, habe ich auch verloren. Ich habe meine innere Ruhe verloren, die eben noch da war. Es steht 1:1. Obwohl der Bruno-Halter weg ist, ist er noch in meinem Kopf.

Bin ich noch in seinem? Vielleicht. Ich hoffe, das Duell der Stimmen in meinem Kopf ebbt bald ab. Ich hoffe, dass ich dazu beitragen konnte, dass dieser Mann und sein Bruno eines Tages zu einem friedlicheren Umgang miteinander finden. Bruno tut dafür, was er kann. Vielleicht wird der Mann auch irgendwann merken, dass er sich selber mehr schadet als nützt mit seinem Dominanz-Wunsch über Bruno? Habe ich etwas beigetragen, was ihnen hilft? Ich weiß es nicht. Ich will meine Wald-Stille zurück. Ich will den Wald wieder hören. Doch gerade höre ich nur mich mit mir selbst reden.

Die Stimme des Mannes ist weg. Hoffentlich war es das wert.