Ein Tag im Irrenhaus

Manchmal, ganz manchmal, da wünsche ich mir ein Hund sein zu dürfen. Und dann schweift mein Blick aus dem Fenster. Und dann sehe ich Hunde an Leinen schlurfen, von ihren Menschen gegängelt, misshandelt, zum Befehlsempfänger auf vier Pfoten degradiert und zum Kläffomaten verdammt. Und dann sehe ich Ambra auf unserem urstbequemen Sessel im Wohnzimmer „chillen“ und das Leben genießen. Und dann sehe ich Coco in der Küche ein Stück Banane verputzen – oder ich sehe Indie mit ein paar Krümeln Käse in seinem zahlreichen Fell hängend auf dem Rücken in der Sonne liegen und das Leben genießen.

Also wäre ich Hund würde ich bei mir Hund sein wollen. Es ist schon witzig. Manchmal ist es ganz leicht Menschen zu finden, die „schwuppsdiwupps“ da sind und meine Werte teilen und meine Hunde genauso lieben und in diese Gesellschaft einführen, wie ich es gern tue. Und dann ist es zäh wie Kaugummi und sowas von frustrierend.

Ich habe in den letzten Wochen genügend Frust über den noch immer fruchtlosen Versuch Indie gut (!) zu vermitteln in diesen Blog reingeschrieben und dafür andere Themen sträflich vernachlässigt. Ich will meinen Humor finden und wieder in das Repertoire der alltäglichen kleinen Geschichten einflechten… Ansonsten ist das Leben am Ende mehr Strafe als kurzweiliges Glück.

Heute morgen um 06h14 weckten mich die zarten Stimmchen der spielenden Hundchen im Erdgeschoss. Wie schön! Sie sind schon wach und ziehen sich offenkundig bereits freudig gegenseitig am Schweif. Prima! Kopfkissen über den Kopf und versuchen noch eine Stunde zu schlafen! Denn spätestens dann steht Olek auf der Matte und will Bespaßung mit laufen „Mamaaaaaaaaaaaaa!Mama!Mama!Mama!“ Rufen. Und die Nacht selbst war zumindest bis 02h38 von Mareks Weinen und Nicht-Schlafen ein freudloses Vergnügen gewesen. Danach hatte Paul die Schicht übernommen und ich weiß nicht wie lange er sich die Ohren vollquaken lassen durfte.

Um 06h38 war der erwartete Kampfschrei schon da! Es ist also ob jemand einen Hahn nachts um drei krähen hörte: Da passt etwas so gar nicht zusammen! Nach Olek kann ich morgens die Uhr stellen. Bloß heute wohl nicht. Ach verdammt! Also rüber und Auto bauen, Puzzle bauen und natürlich dann zu Bruder rüber und ihn mit einem Luftballon freudestrahlend begrüßen! Olek liebt das allmorgendliche Ritual sehr und spielt ab dann meistens „Baby“ und ist dann mein kleiner Sohn.

Ich darf dann Marek wickeln und fertig machen während Olek unter dem Spielebogen oder am Activity Center noch einmal zum Säugling auf allen Vieren krabbelnd wird.

So weit, so einfach. Dann kommt immer der „Tricky part“ des morgendlichen Rituals. Lasse ich Marek oben und gehe nur mit Olek schon einmal vor? Gehe ich als erste alleine runter? Wie mache ich das? Heute wollen beide Zwerge sofort mit, also gehen wir alle drei runter (Olek rückwärts und Marek auf meinem Arm).

Ich lasse die drei Verrückten (Ambra, Coco und Indie) nachdem sie meine Flurtür unten mit ihren Pfötchen beim Hüpfen auf ewig verschönern mit feinen Riefen (Balu hat bereits grobe Riefen im frischen Lack hinterlassen) in den Flur die erste Treppenstufe hinaufjagen.

Es geht ja auch kaum anders. Sie sind soooo froh, dass wir ENDLICH bei ihnen sind, dass sie wie Flummis hüpfen, wie Leckomaten an unseren Füßen, Socken, Händen – und falls erreichbar – Gesicht lutschen und knabbern wollen, was verständlicherweise die Kinder nicht so toll finden beim Überschwang dreier pubertierender Junghundchen.

Olek weiß, dass er auf der Treppe sicher ist vor dem überschwängilchen Begrüßungsverhatlen der drei wilden Chaoten. Coco weiß, dass es besser ist Olek morgens in Ruhe zu lassen. Ambra ist, wie Ambra ist: Unbelehrbar. Devot schlängelt sie sich die Stufen hoch zu Olek und versucht ihm irgendwie ein Küsschen irgendwohin drücken zu können. Es klappt aber nicht, da Olek wilde Abwehrmaßnahmen unter lauten „Ambra, Nein!“ Rufen einleitet mit wedelnden Händen und Füßen. Und Indie ist auch wie Indie ist: Er hat uns halt alle lieb und tänzelt zwischen allen fröhlich hindurch mit dem Bauch wackelnd wie eine Dame aus fernem Osten es mit Goldbehang um den Bauch in Filmen so machen.

Die Phase des schlimmen Chaos ist im Wesentlichen vorbei, wenn wir nach unten kommen. Bis auf gestern – da haben die Bibis eine Papiertüte zerfetzt. Nicht in drei Teile, sondern gefühlt in 1.385 – und sie haben sich Mühe gegeben die Teile möglichst flächig im ganzen Wohnzimmer zu verteilen so gut es ihnen eben gelang.

Heute hatten sie einfach nur Hunger. Und ich musste meinen zwei Immer-hungrigen Kindern UND den Hunden ein Frühstück bereiten. Und natürlich hat jeder seine eigenen Vorstellungen vom optimalen Start in den Tag! Olek möchte Cornflakes mit Joghurt, Marek ein Brot mit ein wenig Gemüseaufstrich und die Bibis wollen von allem etwas: Ein wenig Joghurt, ein wenig Käse, ein Stückchen Brot, ein Stückchen Banane und sehr, sehr gerne ein (oder besser zwei) rohe Eier in ihre chronisch immer leere Esschale – die ist irgendwie magisch… Ich fülle ein und es ist weg. Ich fülle ein und es ist weg. Im Moment hauen sie 2,5kg Fleisch plus Joghurt plus Obst plus Gemüse plus Reis plus Cracker plus plus plus weg… Eine teure Phase für drei heranwachsende Hunde – das kann ich sagen!

Bei Olek lohnt es sich nicht mehr am Hochstuhl zu warten. Aber bei Marek fällt gut die Hälfte des Brotes herunter. Ambra weiß das zu schätzen und bedankt sich für die Krümelei unter dem Tisch und reiht sich in die bald beginnende Putzarie schon einmal ein und säubert den Boden zu Mareks Füßen.

Es ist nach 07h30 – also Spielzeit im Garten für die Terrorbibis! Ich lasse die Bibis raus in den Garten zur nächsten Runde „Wer zieht wen am dollsten am Schwänzle“ und gewinne damit die Möglichkeit Olek mit seinem Parkdeck und den Autos auf dem Boden spielen zu lassen. Das geht zwar grundsätzlich auch wenn die Bibis im Haus sind, aber nur, wenn sie schon ein bißchen mehr ausgepowert sind als sie es jetzt sind. Jetzt würden sie über Olek hinwegspringen und mit ihm die ganze Zeit mitspielen wollen. Das würde er aber nicht wollen und so würde ein neuer Kreislauf aus „Nein, nein, nein!“ losgehen, den ich (noch im Pyjama und mit nüchternem Magen) nicht in der Lage wäre zu lösen.

Gegen 08h30 machen wir uns auf in die Kita. Olek hat alle Autos im Parkhaus untergebracht. (Und mit alle meine ich alle! Es dürften so an die 28 Auto sein, die irgendwie in beide Plastikdecks gestopft wurden mit dem Ziel beim Losgehen in die Kita „Fertig!“ Rufen zu können. Dieses Ziel ist nun erreicht, demzufolge kann mein großes Kind (Marek, 9 Monate) in den Sitz vorne im Doppelkinderwagen und mein kleines Baby in die Liegeschale des Kinderwagens oben hinein. Olek genießt es neuerdings wie ein Baby in die Kita gefahren zu werden. Ich bin nicht undankbar – so sind wir wenigstens pünktlich und ich kann um 09h zurück sein, da dann Interessenten für Ambra hier sein werden. Eine Familie, die direkt ums Eck wohnt – ein spannender Traum meine Ambra so nah bei mir haben zu können.

Als ich aus der Kita wiederkomme und die Familie ist auch schon vor der Tür und wir beginnen freundlich, fröhlich und ruhig einen Spaziergang zu siebt (zwei junge Damen, eine Mama, meine zwei Bagaluten Ambra und Coco sowie Marek im Kinderwagen und ich). Ich beginne den Traum davon zu träumen Ambra in eine Patenfamilie unterbringen zu können, die in fünf Fahrradminuten entfernt von mir wohnt.

Und der Traum zerplatzt eigentlich schon innerhalb der ersten fünf Minuten – aber ich gebe die Hoffnung so schnell nicht auf. Nienicht und aus Prinzip nicht! Ich hoffe immer, dass es irgendwie eine Lösung gibt, damit wir Menschen zusammen finden in einem bereichernden Sinne für alle. Doch ich hoffe vergebens.

Ich erzähle von meinem Wunsch, dass Ambra in ca. 2 Jahren irgendwann Babys haben soll und ich mir wünsche, dass Ambra bis dahin in meinem Eigentum verbleibt und erst nach dieser Zeit übereignet wird. Bis dahin wächst sie in ihre neue Familie rein und hat dann Babys und kommt irgendwann vor oder nach der Geburt zusammen mit ihren Zwergen zu uns, damit ihre Kinder in einer Weise aufgezogen werden, die sie für ihr Leben genauso stark macht, wie alle meine Welpen zuvor.

„Ist das verhandelbar“ Natürlich ist alles verhandelbar. Gerade bei mir. Nichts ist in Stein gemeißelt. Hauptsache wir gehen fair und menschlich um miteinander. Verhandeln bedeutet aber nicht zu hoffen: „Ich will, was ich will und Verhandlung bedeutet, dass ich kriege, was ich will und du nur Kompromisse machst zu meinen Gunsten!“ Die Stimmung ist missgünstig und jeder Anlauf dient irgendwie nur dazu einseitig „Regeln“ zu finden und Grenzen zu stecken.

Wir brechen den Spaziergang tatsächlich ab, weil ich irgendwann die Nase so voll davon habe, dass ich zugestextet werde mit Mutmaßungen, Annahmen, Unterstellungen und eigentlich nur noch negativen Gefühlen, dass ich gar nicht mehr sehe wo uns das hinbringen soll. Ich habe bisher noch NIE einen Spaziergang abgebrochen. Wir haben immer irgendwie einen guten Weg bis zum Ende gefunden. Ich breche ihn auch nicht wirklich ab. Aber irgendwann kann ich um die Frage nicht umhin, wohin uns denn das Gespräch jetzt überhaupt noch führen soll.

Und so dreht es sich ganz komisch im Kreis. Ich setzte mit Ambra, Coco und Marek den Spaziergang in kleinerer Runde fort. Die Familie ist weg. Und ich bin wütend darüber, dass mir nicht nur Zeit, sondern gute Laune gemopst wurde für nichts. Ich versuche es zu sehen als ein Nichts, das war, nun vorüber ist und nun nichts mehr ist oder bedeutet. Das ist auch irgendwie unfair, aber so ist es.

Am Freitag treffen wir Merlin (ein spannender Name!) – und ich bin gespannt, ja so sehr, sehr gespannt, ob Ambra vielleicht bei ihm und seinem Sohn ein zunächst Patenzuhause – und vielleicht, so Gott will – ein dauerhaftes Zuhause finden wird in dem diese Zaubermaus Gutes stiften wird zusammen in Merlins wertvoller Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.

Die kleinen Träume tragen mich dann wieder durch den Tag hin zum nächsten Ziel… Hoffentlich Ziel und hoffentlich Ende der Sysiphus-Suche, die zermürbend ist wie der Gang in ein Haus, das Irre macht (Behörde). Und solange leben wir weiter in unserem kleinen eigenen Irrenhaus in dem Indie vorhin auf dem Spaziergang mit fünf Hunden nacheinander Kontakt hatte – ganz, ganz schlimm war jedoch Aryo, ein riesiger Bulliger RÜde, der doppelt so groß und vermutlich fünf mal so schwer ist wie Indie (wirklich! Ein Riesenvieh!). Als dieser freundlich auf Indie zukam schrie Indie vor Angst aus voller Seele als sei Aryo der Teufel persönlich.

Nur um eine Minute später mit ihm zu spielen und hüpfend zu fragen, ob Aryo nicht vielleicht doch Lust hätte mit ihm in die Tarpenbek hinein zu springen. Aber Aryo wollte nicht und so zogen wir weiter zum irren Dackelmädchen Aurora, da einen Karabinerhakten an ihrem Halsband trug, das man mit ihm hätte Pferde festmachen können. Ich bewundere die Hunde immer wieder dafür mit welcher Gelassenheit sie die Ideen ihrer Menschen etragen. Ambra könnte mit einem Karabinerhaken dieser Größe vermutlich nicht einmal mehr gehen, da sie Schlagseite bekäme und auf immer gelähmt wäre von dem Schock dieses Ankers an ihrem Geschirr.

Und nun gehe ich die wilden Bell-Schwanzzieh-Kuscheltierzerr-Renn-Hunde reinholen auf das sie das frisch von Maria geputzte Haus mit ihren kleinen Tapsipfötchen wieder verschönern umd schwarze Flecken am Boden. Denn wir müssen jetzt in die Kita mein „Riesen-Baby“ abholen aus der Kita… Ich liebe es, Hunde zu haben!