Armer, armer Coco!

Kennen Sie das? Da schaut Sie jemand an mit einem so traurigen Blick, dass Sie innerlich förmlich zerfließen und denken „Ach du armer, armer schwarzer Kater!“ Mein großer Sohn Olek (2,5 Jahre) kann das ganz theatralisch. Er zieht dann (vermutlich ähnlich wie ich) die Worte aaaarmer, aaaaarmer ganz doll in die Länge und schaut dabei selbst herzzereißend.

Wenn ich abends Pansenstreifen verteile habe ich in letzter Zeit sehr oft gedacht: „Mein armes, armes Sofalein!“ Coco sitzt dann ganz oben links in der hintersten Ecke auf dem Stapel der Sofakissen und quetscht sich gerade eben so auf die Lehne, dass er nicht hintenüber fällt und gleichzeitig so hoch, weit weg und sicher wie möglich ist vor der selbstherrlichen Zicke: Ambra!

Ich verteile das Essen an meine Hunde und Ambra entscheidet darüber wer, was, wann und wie haben darf. Unter Ambras Regiment stehen Coco und Carlos. Carlos kann, wenn ihm das alles zu viel wird über den Zaun hüpfen, auf einen Tisch flüchten oder Ambra geschickt mit zwei Pfoten die Schnauze kurz festhalten ein bißchen Lecken und beißen und dann ist Ambra auch gleich schon ein bißchen gütiger für ein oder zwei Minuten.

Coco ist dagegen ein armes Würstchen. Ambra gönnt ihm, wenn sie einen schlechten Tag hat, rein gar nichts. Obwohl jeder Hund von mir einen Pansenstreifen direkt in sein Maul gelegt bekommt, hat Ambra diverse Mops-Techniken in ihrem Repertoire. Ambra überzeugt und gewinnt durch Strategie, Klugheit und Unverfrorenheit. Vollkommen selbstverständlich stürmt sie auf Coco zu, rempelt ihn an und hofft dabei auf den Überraschungseffekt: Er lässt hoffentlich fallen, was er im Maul hat. Und Ambras Kalkül geht meistens auf.

Wenn dieses Manöver gelingt, hat Ambra es einfach. Der Pansenstreifen liegt für einen Moment auf dem Boden, Coco muss sich erst einmal sammeln (im wahrsten Sinne des Wortes, nicht selten liegt er wie von einem Auto gerammt am Boden und muss erst einmal wieder aufstehen). Ambra macht in dieser kurzen Sekunde eine geschickte Drehbewegung mit ihrem Heck, öffnet ihr Maul gerade so weit, dass der andere Pansen nicht rausfällt und ein weiterer mit Zunge und Maul irgendwie noch reingehievt werden kann. Und wehe, wehe Coco wagt es auch nur Ambra näher zu kommen. Dann grummelt sie aber wie ein Wärmegewitter im Sommer aus drei Kilometern Höhe!

Ich habe versucht Abhilfe zu schaffen. Drei Pansen haben das Problem nur verzögert. Ambra verbuddelt dann Nummer eins im Garten, widmet sich kurzfristig Nummer zwei oder lässt sie kurz an einem sicheren Ort ihrer Wahl liegen und stürmt dann auf ihren zart besaiteten Bruder los und attackiert ihn wie auf einem Rugby-Feld mitten im Spiel. Armer, armer Coco!

Und gleichzeitig: Wie erstaunlich! Coco ist ein friedliebender Hund. Er will keineN Streit. Er will seinen Pansen auch nicht verteidigen müssen. Er will nur seine Ruhe. Es heißt oft man müsse Hunden erhöhte Liegeplätze verbieten, weil sie dort „dominant“ würden und anfingen Kontrolle über den Raum haben wöllten. Diese Märchen machen mich immer so traurig, weil es Menschen gibt, die das wirklich glauben. Gut – nicht jeder muss sein Okay dazu geben, dass sein Hund auf sein Sofa darf. Aber das hat nichts mit Dominanz-Märchen zu tun. Sondern damit, dass es Menschen gibt, die eine Reinlichkeitsvorstellung von ihrem Sofa haben, die ihr Hund ggf. nicht teilt und unterstützt.

Mir ist das nicht wirklich wichtig. Wir haben ein Sofa, das aus sehr strapazierfähigem Oberstoff bezogen ist. Das Sofa ist eines meiner Lieblingsstücke in unserem Haus. Es nimmt keinen Geruch an, es lässt sich sehr leicht reinigen, falls überhaupt nötig und es ist für unsere Hunde, Kinder und uns Erwachsene immer ein einladender Ort.

Und so fühle ich mit meinem armen kleinen Coco. Er ist so ein zugewandter, freundlicher und konfliktscheuer Kerl. Seine Schwester, die ein eisernes Regiment führt, gibt den Ton an. Und Coco versucht nur seinen Platz in unserem Haus zu finden. Und er macht das auf eine so kluge Weise, dass ich von ihm beeindruckt bin und ihn nur noch mehr liebe in diesen Momenten.

Und so versucht Coco in den Momenten, in denen er glaubt sich selbst schützen zu müssen, Vorsorge zu treffen. Wenn ich wertvolles Kaugut verteile verzieht Coco sich. Auf den höchstmöglichen Punkt auf meinem Sofa. Nicht auf den Sessel, da kommt er nicht sehr hoch. Obwohl der Sessel ihm links und rechts Schutz bietet, es muss das Sofa sein auf dem er noch ein paar Zentimeter höher und gefühlt weiter weg von Ambra kommt. Ach was für ein kluges Tierchen mein Coco doch ist!

Bisher hat Ambra ihm auf dieser sicheren Bastion nicht nachgestellt. Coco scheint also den Konflikt sehr geschickt zu vermeiden. Doch sein Blick dort oben spricht Bände. Und so sitze ich da und denke bei meinem Abendtee: Armer, armer Coco. Und auch: Mein armes, armes Sofachen. Ich arme, arme Tunia. Da habe ich schon so ein schönes Sofa und nun wurden darauf nicht nur zwei der Welpen geboren, sondern jetzt wird darauf auch noch Pansen vertilgt. Prima. Egal. Morgen schüttle ich die Kissen auf und dann ist es schon wieder wie neu. Komm in meinen Arm, mein armer, armer Coco!